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Samstag, 8. Oktober 2016
Bilderfrei - eine Zwischenbemerkung
Warum gibt es in diesem Blog nur ein Bild? Dieser Mangel widerspricht den Sehgewohnheiten und den Konventionen dieses gerade etablierten Mediums "Blog", aber dem Thema Umziehen ist es angemessen: ein Umzug betrifft die Privatsphäre, und die soll privat bleiben. Und der Prozeß des Umzugs ist wenig ästhetisch: verwohnte Nachbarschaften, gebrauchte Möbel, Verpackung, Stapeln im LKW - Appeal bekommt das nur durch Inszenierung von shabby chic. Dieser Blog will das Umziehen aber nicht inszenieren, sondern analysieren. Willkommen im Wörtermeer.
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Illustration
Montag, 3. Oktober 2016
Schief gelaufen - schief gedacht
Am Anfang der Brief einer Freundin, ein grauenhafter Umzug von Bekannten. Vertrauen in eine Umzugsfirma, mit der man in der Vergangenheit gute Erahrungen gemacht und insoweit einfach Vertrauen geschenkt hatte, ohne ein Alternativangebot einzuholen. Eigentlich ein akzeptabler Ansatz, wenn die Firma nicht den Besitzer gewechselt und damit einen neuen Chef hatte. Und damit neue Packer, nicht ausgebildet in Pack-, Montage- und Ladetechniken, unerfahren im Umgang mit alten Möbeln und anspruchsvollen Klienten. Resultat waren große Schäden: Teile der Wohnzimmerwand zerbrochen, Schrankschlüssel versiebt, Schellack zerkratzt, Sofa und Sessel verschmutzt. Und weitere Geldforderungen für einen nicht eingeplanten, zusätzlich eingesetzten Transporter.
Jetzt: Schadenaufnahme, Einschaltung von Sachverständigen, hoch veranschlagte Reparaturkosten, Forderung nach Ersatz, Gerichtstermin.
Was wird das bringen? Vermutlich wenig bis nichts, eher noch mehr Kosten. Vor Gericht zählt die Haftbarkeit für den Zeitwert des Gutes, und der wird, falls es nicht um handelbare Antiquitäten, sondern um Familienerbstücke geht, niedrig angesetzt werden. Der Markt für antike Möbel wiederum ist seit längerem leident. Jung Arrivierte beschweren ihre Mobilitätsoptionen nicht durch Biedermeier oder Berchtesgadener Barock, sondern investieren in AV, TK und IT. Eine Transportversicherung, die wenigstens den Wiederanschaffungswert absichert, lässt sich nachträglich nicht mehr abschließen.
Wer ist jetzt schuld: die Bekannten der Freundin sind sich sicher: die Türken sinds! Türkischer Geschäftsführer, türkische Packer - das kann ja nicht gut gehen. Hier muss ich entschieden widersprechen. Unter Packern sind Deutsche inzwischen in der Minderheit - harte Arbeit, wenig Geld, schwierige Kundschaft, nein danke. Aber an ihre Stelle sind sind nicht nur Türken getreten.
Die Teams sind bunt gemischt aus Arbeitswilligen, die ihre Kräfte brauchen, um hier Fuß zu fassen, und sie bringen neben Mehrsprachigkeit (schließlich sind sie gezwungen, eine gemeinsame Verständigungsbasis einzuüben) auch vielfältige handwerkliche Fähigkeiten mit. Packen, Montieren und Laden müssen ihnen allerdings beigebracht werden. Hinter den Fehlern steckt kein Volkscharakter, sondern sie beruhen auf Schlampigkeit und Gier. Auch deutschen Umzugsspediteuren sind Schlampigkeit und Gier nicht fremd. Die Schlamperei nahm wie so oft im Gewerbe mit einer oberflächlichen Besichtigung des Umzugsguts ihren Anfang. Daraus resultierten eine fehlerhafte Volumeneinschätzung und Nachlässigkeit in der Planung der Montagen. Die Gier setzte ein, als der Geschäftsführer, als Frachtführer überbucht, den Umzug an einen Subunternehmer abtrat, hier spielten landsmannschaftliche Erwägungen und Schlitzohrigkeit ineinander: der Geschäftsführer kaufte einen unerfahrenen Kollegen zum schlechten Preis und mit fehlerhaften Angaben zu Volumen und Montageaufwand ein. Die Arbeit wusste der nicht besser zu machen, wohl aber, wie er an sein Geld kommt: die Frage ist, wie viel von der Mehrforderung in bar er tatsächlich an seinen Auftraggeber abgetreten hat.
Wie kann man sich als Kunde gegen Umzugsgrauen schützen? Durch eine nüchterne Überlegung: die Ordnung der Dinge in der eigenen Wohnung ist ein erinnerungsbasiertes Konstrukt, das für einen Spediteur wie auch für die Versicherung kaum Bedeutung hat, der Spediteur sieht Volumen, Dienstleistungen und Randbedingungen, wo der Kunde Familienerinnerungen und Gefühle als subjektive Wertigkeiten konnotiert. Zwei oder drei Spediteure zu fragen, verschafft eine gewisse Sicherheit, was Volumen, Dienstleistungen und Randbedingungen betrifft. Nachforderungen begründet durch Mehrvolumen, Extraleistungen und problematische Randbedingungen sind im Umzugsgewerbe gängige, schlechte Praxis. Hiergegen kann helfen, nicht das oberflächlich gedsehen billigste Angebot zu nehmen, sondern genau zu analysieren, was im Angebot enthalten ist. Gegen Nachforderungen kann man sich ein Stück weit absichern, indem ein Festpreis für den Umzug vereinbart und vorab definiert wird, was Extraleistungen sind und was sie kosten dürfen. Spediteure sind Verkäufer von Umzugsleistungen, sie dürfen Subunternehmer zu Frachtführern machen. Hier muss man sich auf die Spedition verlassen. Ein guter Kontakt zum Umzugsberater und eine Vergewisserung über die Seriosität der Firma sind die Basis dafür. Sie kann trügen. Und keine Versicherung schützt vor dem Verlust der spezifischen Erinnerungsqualität, die mit Objekten speziellen Angedenkens verbunden sind. Ein Umzug bleibt, so gesehen, stets ein Verlustrisiko.
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Umzugsbesichtigung,
Versicherung
Montag, 12. September 2016
Was ein Umzug die Umzugsfirma kostet
Die
Kostenfrage ist die erste Frage am Telefon unserer Umzugs-spedition,
und die Antwort ist dann: kommt drauf an. Frustrierend für einen
Kunden, der sich, konfrontiert mit Jobwechsel, Beziehungs-krise,
Wohnungssuche und so weiter, die Mühe gemacht hat, unser Unternehmen
aus einer Vielzahl Umzugsunternehmen herauszugoogeln, statt sich von
vornherein einer Website anzuvertrauen, die schon gleich mal 70%
Ersparnis verspricht und zugleich reihenweise Anrufe und E-Mails
Auftrag heischender Firmen auslöst. Wissen wollen Umzugsfirmen
immer das Gleiche, auch wenn der Kunde diese Angaben bereits online
eingegeben hat: wieviel Volumen hat das Umzugsgut, muss besonders
Sperriges oder Schweres bewegt werden, wo sind Belade- und
Entladestelle, wer übernimmt das Einpacken und Auspacken, Demontage
und Montage, gibt es Sonderwünsche, und schliesslich: wer zahlt.
Alle
diese Angaben sind wichtig für die Kalkulation des Umzugs-preises,
und deshalb machen sich die Unternehmen, aus Erfahrung skeptisch
gegenüber den Aussagen der Kunden, gerne selber ein Bild, auch wenn
es sie im Vorfeld etwas kostet, einen Mitarbeiter vorbei-zuschicken.
Dieses Prozedere wiederum ist lästig für den Kunden, der eigentlich
nur den günstigsten und bequemsten Weg sucht, seine eingewohnten
Siebensachen einigermaßen geordnet und unversehrt von einem Standort
zum anderen zu bringen, und sich still fragt, wieso das überhaupt
etwas kosten soll, wo ja seine Einrichtung selber nichts dazu
gewinnt, im Gegenteil Schäden und Verluste zu befürchten sind. Also
fragt er zwei, drei, vier fünf Unternehmen an und nimmt mehrfache
Wohnungsdurchgänge in Kauf in der Hoffnung, ein immer noch
günstigeres Angebot zu erhalten – und schliesslich doch den Umzug
auf einer Webplattform zu verauktionieren, falls sie nicht jemanden
in der Nachbarschaft kennenlernen, der weiss, wer die Sache diskret
zum Freundschaftspreis erledigt.
Die
Umzugsfirmen müssen gegenhalten. Es hat sich herumgesprochen, dass
die Nachfragen, die sie stückweise von Plattformen mit
Rabatt-versprechen kaufen, teuer bezahlt sind, da fünf- bis zehnfach
oder öfter verkauft, dass Kunden, für die die Angebote leicht
erhältlich und kostenlos sind, gleich mal zwanzig Angebote einholen
oder in nächster Zeit gar nicht umziehen wollen. Die von den Kunden
erwarteten Rabatte sind also aus Sicht der Unternehmen nur
ansatzweise zu realisieren, wenn sich der Umzug auf einer oft
befahrenen Strecke als Rück- oder Beiladung kalkulieren lässt.
Ob
als Reklamekosten, Besichtigungskosten, Kosten der Webseiten-pflege
und der Findbarkeit im Netz oder Einkauf von Umzugsanfragen: es
kostet Umzugsfirmen eine Menge, den Zuschlag für einen Umzug zu
erhalten. Bezahlt werden müssen auch das Büro, die Versicherungen,
die Buchhaltung, Mitarbeiterschulungen, die technische Ausrüstung,
das Lager, Verbandsmitgliedschaften, Zertifizierungen und so weiter.
Wenn ein Kunde sich über hohe Umzugskosten wundert, hat er recht:
Packerstunden und LKW-Kilometer sind nicht die Hauptposten im
Firmenbudget. Aber ohne das Umfeld rollt kein LKW und packt kein
Packer.
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Umzugsauktion,
Umzugsbesichtigung,
Umzugskosten,
Umzugspreis
Samstag, 24. April 2010
Buddha an der Quelle
Wie in jeder Stadt mit Einzelhandel für geschmackvolles Wohnen schmücken auch hier Buddhafiguren Schaufenster, Kaffee-Bars und Friseursalons, billig geformt, kopiert & importiert aus südasiatischen Schwellenländern. Auch in Einrichtungszeitschriften werden sie als Deko-Elemente propagiert. Am ehesten kann man das als Indiz dafür nehmen, dass die Indien-Begeisterung der siebziger Jahre nicht allein als Esoterik im Juste Milieu angekommen ist, sondern sich dort ihr Denkmal zwischen den anderen Familiendenkmälern gesichert hat: Nippes-Erbstücken, Fotos, Feng Shui Accessoires, Antikem undsoweiter.
An zwei Orten Wiesbadens schien sich ein differenzierterer Zugang zum buddhistischen Figurenkanon zu manifestieren. Ein Geschäft in der Taunusstraße bot Buddhas an, die in Südasien aus ihrer sakralen Funktion entlassen worden waren. Gut präsentiert, hatten sie ihre sakrale Aura bei sich behalten, selbst wenn sie teilweise zurechtgesägt und auf Podeste montiert waren, um hiesigen Dekovorstellungen entgegen zu kommen. Gerade haben wir die Buddhas zusammen mit dem gesamten Warenbestand eingelagert: die Finanzkrise führte zu Abstrichen bei Privat- und Geschäfts-Budgets, und das betraf zuerst den Zierrat. Die Aura war nicht stark genug.
Was noch steht: ein lebensgroßer Buddha aus Marmor unter einem Baum am Rande des Kranzplatzes, schräg gegenüber der Staatskanzlei. Stets mit frischen Blumen geschmückt, schien er tatsächlich ein zusammen mit Gläubigen eingewandertes Heiligtum zu sein. Trotz seines prominenten Standorts am römischen Quellort der Stadtgeschichte war er aber in Stadtführern nicht erwähnt, im Stadtarchiv nicht bekannt. Aber die Bedienung in der Bar gegenüber wußte bescheid: sei vom Kneipenbesitzer vor zwei Jahren da plaziert und werde geschmückt, um den Biergarten zu verschönern.
Buddha selber lächelt über diese Version. Ergebnis unendlicher Wiederholung einer Form,ist er doch als Einzelstück aus Marmor gemeißelt und damit mühsame Annäherung an ein perfektes Vorbild: seine Aura hält tatsächlich unabsichtlich diese Stadtecke in Atem. Damit läßt er sich als Zeichen einer möglichen neuen Spiritualität im Globalisierungsprozeß, jenseits kanonisierten Glaubens und institutionalisierter Religiosität, deuten. Einmal werde ich dort Blumen ablegen. Wenn ich selber einen Garten habe. Inzwischen habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Lust, ein Buch zu lesen: Robert Pirsigs "Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten", ein Kultbuch der siebziger Jahre. Mal sehen, ob diese Untersuchung von Qualität als Maßstab menschlichen Denkens und Handelns noch trägt.
An zwei Orten Wiesbadens schien sich ein differenzierterer Zugang zum buddhistischen Figurenkanon zu manifestieren. Ein Geschäft in der Taunusstraße bot Buddhas an, die in Südasien aus ihrer sakralen Funktion entlassen worden waren. Gut präsentiert, hatten sie ihre sakrale Aura bei sich behalten, selbst wenn sie teilweise zurechtgesägt und auf Podeste montiert waren, um hiesigen Dekovorstellungen entgegen zu kommen. Gerade haben wir die Buddhas zusammen mit dem gesamten Warenbestand eingelagert: die Finanzkrise führte zu Abstrichen bei Privat- und Geschäfts-Budgets, und das betraf zuerst den Zierrat. Die Aura war nicht stark genug.
Was noch steht: ein lebensgroßer Buddha aus Marmor unter einem Baum am Rande des Kranzplatzes, schräg gegenüber der Staatskanzlei. Stets mit frischen Blumen geschmückt, schien er tatsächlich ein zusammen mit Gläubigen eingewandertes Heiligtum zu sein. Trotz seines prominenten Standorts am römischen Quellort der Stadtgeschichte war er aber in Stadtführern nicht erwähnt, im Stadtarchiv nicht bekannt. Aber die Bedienung in der Bar gegenüber wußte bescheid: sei vom Kneipenbesitzer vor zwei Jahren da plaziert und werde geschmückt, um den Biergarten zu verschönern.
Buddha selber lächelt über diese Version. Ergebnis unendlicher Wiederholung einer Form,ist er doch als Einzelstück aus Marmor gemeißelt und damit mühsame Annäherung an ein perfektes Vorbild: seine Aura hält tatsächlich unabsichtlich diese Stadtecke in Atem. Damit läßt er sich als Zeichen einer möglichen neuen Spiritualität im Globalisierungsprozeß, jenseits kanonisierten Glaubens und institutionalisierter Religiosität, deuten. Einmal werde ich dort Blumen ablegen. Wenn ich selber einen Garten habe. Inzwischen habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Lust, ein Buch zu lesen: Robert Pirsigs "Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten", ein Kultbuch der siebziger Jahre. Mal sehen, ob diese Untersuchung von Qualität als Maßstab menschlichen Denkens und Handelns noch trägt.
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Buddhismus,
Migration,
Robert M. Pirsig
Montag, 19. April 2010
Formwille
Wenn Kunden mich zum wiederholten Mal in Anspruch nehmen, freue ich mich besonders, das Werben um Vertrauen wird belohnt. Dieses Mal verlud ich Neumöbel, die ein Kunde in die USA mitnehmen wollte, nachdem wir seine Haushaltsgegenstände bereits im Container nach Arizona verschifft hatten: eine eichene Schrankwand und ein sogenanntes Schlittenbett aus Mahagoni. Googelnd erfuhr ich, daß es sich um eine in den Vereinigten Staaten aus dem Empire-Stil heraus entwickelte Bettform mit gebogenen Kopf- und Fußteilen handelte, manchmal ergänzt um seitliche Gitter. Der Name verweist auf die Ähnlichkeit solcher Betten mit Schlitten. Solche Bettmöbel sind in den USA spätestens seit Anfang des letzten Jahrhunderts populär und entsprechend in der Armeekolonie zwischen Kaiserslautern und Ramstein verbreitet. Dieses Bett nun hatte der Kunde von einer belgischen Firma erstanden, die es in Vietnam hatte herstellen lassen. Ich wagte nicht zu fragen, ob sich derartige Betten nicht vielleicht auch günstig in seiner Heimat kaufen ließen? Die Verfrachtung machte es jedenfalls um die Hälfte teurer.
Statt dessen fragte ich nach seinen Erfahrungen in Deutschland. Er war allerdings immer nur zu Besuch bei seiner Frau gewesen, einer Zivilangestellten einer Schule für Kinder von Armeeangehörigen, gearbeitet hatte er im Irak. Was ihm aufgefallen war: Wahlkampfpräsenz der Linkspartei! Käme es hier wieder zum Sozialismus? Ich versuchte vorsichtig, ihm zu erklären, daß Linke in Provinzstädten manchmal aus Mangel an Horizont abgehalfterten Idealen hinterherliefen und daß es in Europa erkennbar große Unterschiede zwischen sozialstaatlichen Errungenschaften und kommunistischen Regimes gebe - er hörte gar nicht zu. Die Einführung einer Krankenversicherung bedeutete für ihn die präsidiale Durchsetzung des Sozialismus in den USA.
Wie war dann in seinen Augen die US Army aufgestellt? Deren Angehörige leben in einem komplett geschlossenen Mikrokosmos, Kämpfer mit begrenztem Ausgang, ohne Anbindung an ihr reales Umfeld, mit ihren Angehörigen komplett mit Konsumgütern und Sozialdiensten aller Art versorgt, mit Schulen und Studienangeboten: - kommt diese Verfaßtheit der kommunistischen Utopie in Lenins Version nicht ziemlich nahe? Als Zivilist mußte ihn dieser historische Einwurf nicht scheren - er wurde nur sehr gut bezahlt dafür, daß er im jeweiligen Einsatzgebiet der Armee seinen Job machte.
Zu dieser Einstellung paßte sein Einrichtungsgeschmack ganz genau: den Globus in Anspruch nehmen für die Realisierung eines Möbels mit falschem Traditionsbezug, gestützt auf ein weltumspannendes Authentizitätsmarketing, das einer Hauseinrichtung in Kansas zuarbeitet. Da wird es dann bestimmt einfach sehr gemütlich. Aber um welchen Preis?
Statt dessen fragte ich nach seinen Erfahrungen in Deutschland. Er war allerdings immer nur zu Besuch bei seiner Frau gewesen, einer Zivilangestellten einer Schule für Kinder von Armeeangehörigen, gearbeitet hatte er im Irak. Was ihm aufgefallen war: Wahlkampfpräsenz der Linkspartei! Käme es hier wieder zum Sozialismus? Ich versuchte vorsichtig, ihm zu erklären, daß Linke in Provinzstädten manchmal aus Mangel an Horizont abgehalfterten Idealen hinterherliefen und daß es in Europa erkennbar große Unterschiede zwischen sozialstaatlichen Errungenschaften und kommunistischen Regimes gebe - er hörte gar nicht zu. Die Einführung einer Krankenversicherung bedeutete für ihn die präsidiale Durchsetzung des Sozialismus in den USA.
Wie war dann in seinen Augen die US Army aufgestellt? Deren Angehörige leben in einem komplett geschlossenen Mikrokosmos, Kämpfer mit begrenztem Ausgang, ohne Anbindung an ihr reales Umfeld, mit ihren Angehörigen komplett mit Konsumgütern und Sozialdiensten aller Art versorgt, mit Schulen und Studienangeboten: - kommt diese Verfaßtheit der kommunistischen Utopie in Lenins Version nicht ziemlich nahe? Als Zivilist mußte ihn dieser historische Einwurf nicht scheren - er wurde nur sehr gut bezahlt dafür, daß er im jeweiligen Einsatzgebiet der Armee seinen Job machte.
Zu dieser Einstellung paßte sein Einrichtungsgeschmack ganz genau: den Globus in Anspruch nehmen für die Realisierung eines Möbels mit falschem Traditionsbezug, gestützt auf ein weltumspannendes Authentizitätsmarketing, das einer Hauseinrichtung in Kansas zuarbeitet. Da wird es dann bestimmt einfach sehr gemütlich. Aber um welchen Preis?
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Sonntag, 18. April 2010
SMS Frühling
Mein Praktikant nahm sich Mittwoch Nachmittag seine Zigarettenpause und kam nicht wieder. Der erste Tag nach seinen Osterferien hatte gut begonnen; wir hatten eine Umzugsbesichtigung gemacht, die ein großer Auftrag werden kann — jetzt mußten wir die Anfrage bearbeiten. Aber er war nicht mehr da. Eine zweite und dritte Besichtigung mußte ich alleine erledigen. Danach erst fand ich seine SMS auf meinem Handy: " Es tut mir soo leid, ich hab in der mittagspause so ein schönes nettes mädel getroffen.da hab ich die arbeit vergessen." Telefonisch blieb er unerreichbar, sein Haustürschlüssel lag anderntags noch auf dem Schreibtisch, er selber schickte eine zweite SMS: "Melde mich für heute krank". Am Freitag hatte ich in Frankfurt zu tun und war nicht im Büro, er holte seinen Schlüssel ab.
Also, was soll ich jetzt davon halten? Wildheit der Jugend? wohl eher Midlife-Krise: der Mann ist Ende dreißig und unternimmt gerade seinen vierten Anlauf in ein Berufsleben. Ich werde mir wohl einen anderen Praktikanten suchen.
Oder bin ich am Ende schuld? Die Arbeit hier ist eben Arbeit, ziemlich unspektakulär, nicht sehr profitabel. Viel kann er nicht machen, weil er keine Lust hat, sich das Werkzeug zu besorgen: Englischkenntnisse, Umgang mit Büro- und Kalkulationssoftware. Vielleicht lag es aber auch an etwas ganz anderem: Ich hatte für mittags einen Salat aus Käse und Sellerie improvisiert — und erinnerte mich plötzlich, daß nach dem Krieg unter Hausfrauen Sellerie als Hausmittel zur Inspiration ehelicher Galanterie galt ... Ich schwöre, ich selber habe nichts gemerkt!
Also, was soll ich jetzt davon halten? Wildheit der Jugend? wohl eher Midlife-Krise: der Mann ist Ende dreißig und unternimmt gerade seinen vierten Anlauf in ein Berufsleben. Ich werde mir wohl einen anderen Praktikanten suchen.
Oder bin ich am Ende schuld? Die Arbeit hier ist eben Arbeit, ziemlich unspektakulär, nicht sehr profitabel. Viel kann er nicht machen, weil er keine Lust hat, sich das Werkzeug zu besorgen: Englischkenntnisse, Umgang mit Büro- und Kalkulationssoftware. Vielleicht lag es aber auch an etwas ganz anderem: Ich hatte für mittags einen Salat aus Käse und Sellerie improvisiert — und erinnerte mich plötzlich, daß nach dem Krieg unter Hausfrauen Sellerie als Hausmittel zur Inspiration ehelicher Galanterie galt ... Ich schwöre, ich selber habe nichts gemerkt!
Dienstag, 13. April 2010
Eine Personalität
Um Kartons abzuliefern, hatte mich ein Kunde in die Tiefgarage des Condominiums einfahren lassen, aus dessen 2. Stock er ausziehen wollte. Als ich herausfahren wollte, stellte ich fest, daß ein Rollgitter die Ausfahrt blockierte, zu dessen Öffnung ein Schlüssel notwendig war.
Gerade, als ich den Kunden anrufen wollte, kam ein älteres Paar aus dem Appartmentkomplex in die Garage. Ich erklärte, warum ich in der Garage stand, und bat, mir das Gatter zu öffnen. Der Mann reagierte aufgebracht: wer mich hineingelassen habe? Der solle mich auch wieder heraus lassen. Ich signalisierte Verständnis für sein Sicherheitsbedenken und nannte nochmals den Namen des Kunden als Bewohner. Aber die Weigerung des Mannes gründete nicht auf der Intrusion ins Haus, sondern auf einem Angriff auf seine Würde: er fühlte sich durch meine Bitte beleidigt, quasi zum Domestiken degradiert! Er sei eine Personalität! Dies festgestellt, öffnete er dann doch das Tor.
Sein Ausfall signalisierte eine gewisse sprachliche Unsicherheit, die Maquillage der Dame bestärkte meine Vermutung, daß es sich um einen Perser handeln müsse, einen, der schon lange hier lebte und sich das Ambiente leisten konnte.
War ihm entgangen, daß Hilfsbereitschaft hierzulande kein Statusverlust bedeutete, sondern Verständigung über ein Gemeinwesen? Oder war eben diese Auffassung Ausfluß meiner Naivität? Ich entschuldigte mich höflichkeitshalber, allerdings ohne Bezug auf irgend etwas näher Bestimmtes, und er bestand dann noch darauf, dass ich mich in der Tat entschuldigen müsse, während ich hinausfuhr.
Und plötzlich an Herodot dachte. Und an einem Haufen ziemlich zerstrittener Griechenfürsten und ihrer bunten Haufen, die 480 vor Christus in einer kritischen Situation einander beistanden und die Invasion der Streitmacht des persischen Großkönigs, einer Streitmacht aus versklavten Untertanen, durch List und Mut vor Salamis zum Scheitern brachten: die Geburt Europas, die Entdeckung der Macht von Demokratie.
Hätte ich mein Kurzschwert zücken sollen? Oder wenigstens meinen akademischen Titel? Ich hätte mich natürlich zuerst fragen müssen, wie ein solcher Griechenfürst mit kartonaustragenden Weibern verfahren wäre. Ich dachte stattdessen an meine Großmutter, die aus einer Familie mit Hofrang stammte: jemand, der seine Bedeutsamkeit ohne Grund herausstreicht, unterstreicht damit seine Unwichtigkeit. Etikette und Sinn für Verhältnimäßigkeit sind, was meine Großmutter so allerdings nie unterschrieben hätte, eben Bedingung für das Funktionieren von Demokratie. Bunte Haufen sind es aber auch. Hätte ich einen der Packer dabei gehabt, einen aus der Gegend, wo seinerzeit die Perser gehaust htten, hätten wir ein bißchen Freiheitskrieg inszenieren können. Auch das hätte mir gefallen.
Erheitert durch diese luftigen Denkfäden übersah ich, fahrend, beinahe zwei junge Mädchen, die eben den Zebrastreifen überqueren wollten, der die Straßenseite mit den Türkenläden mit der Innenstadt verbindet: in der schon üblichen Kopftuchtracht die eine, die andere von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, Hände in Handschuhen, das Gesicht komplett von schwarzer Gaze verhüllt.
Ein P.S.: Vor ein paar Tagen sah ich die Personalität in der Fußgängerzone spazieren, in einem tadellosen grauen Mantel und mit einem blechernen Abzeichen über der Brust, welches einem Orden glich. Chapeau!
Gerade, als ich den Kunden anrufen wollte, kam ein älteres Paar aus dem Appartmentkomplex in die Garage. Ich erklärte, warum ich in der Garage stand, und bat, mir das Gatter zu öffnen. Der Mann reagierte aufgebracht: wer mich hineingelassen habe? Der solle mich auch wieder heraus lassen. Ich signalisierte Verständnis für sein Sicherheitsbedenken und nannte nochmals den Namen des Kunden als Bewohner. Aber die Weigerung des Mannes gründete nicht auf der Intrusion ins Haus, sondern auf einem Angriff auf seine Würde: er fühlte sich durch meine Bitte beleidigt, quasi zum Domestiken degradiert! Er sei eine Personalität! Dies festgestellt, öffnete er dann doch das Tor.
Sein Ausfall signalisierte eine gewisse sprachliche Unsicherheit, die Maquillage der Dame bestärkte meine Vermutung, daß es sich um einen Perser handeln müsse, einen, der schon lange hier lebte und sich das Ambiente leisten konnte.
War ihm entgangen, daß Hilfsbereitschaft hierzulande kein Statusverlust bedeutete, sondern Verständigung über ein Gemeinwesen? Oder war eben diese Auffassung Ausfluß meiner Naivität? Ich entschuldigte mich höflichkeitshalber, allerdings ohne Bezug auf irgend etwas näher Bestimmtes, und er bestand dann noch darauf, dass ich mich in der Tat entschuldigen müsse, während ich hinausfuhr.
Und plötzlich an Herodot dachte. Und an einem Haufen ziemlich zerstrittener Griechenfürsten und ihrer bunten Haufen, die 480 vor Christus in einer kritischen Situation einander beistanden und die Invasion der Streitmacht des persischen Großkönigs, einer Streitmacht aus versklavten Untertanen, durch List und Mut vor Salamis zum Scheitern brachten: die Geburt Europas, die Entdeckung der Macht von Demokratie.
Hätte ich mein Kurzschwert zücken sollen? Oder wenigstens meinen akademischen Titel? Ich hätte mich natürlich zuerst fragen müssen, wie ein solcher Griechenfürst mit kartonaustragenden Weibern verfahren wäre. Ich dachte stattdessen an meine Großmutter, die aus einer Familie mit Hofrang stammte: jemand, der seine Bedeutsamkeit ohne Grund herausstreicht, unterstreicht damit seine Unwichtigkeit. Etikette und Sinn für Verhältnimäßigkeit sind, was meine Großmutter so allerdings nie unterschrieben hätte, eben Bedingung für das Funktionieren von Demokratie. Bunte Haufen sind es aber auch. Hätte ich einen der Packer dabei gehabt, einen aus der Gegend, wo seinerzeit die Perser gehaust htten, hätten wir ein bißchen Freiheitskrieg inszenieren können. Auch das hätte mir gefallen.
Erheitert durch diese luftigen Denkfäden übersah ich, fahrend, beinahe zwei junge Mädchen, die eben den Zebrastreifen überqueren wollten, der die Straßenseite mit den Türkenläden mit der Innenstadt verbindet: in der schon üblichen Kopftuchtracht die eine, die andere von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, Hände in Handschuhen, das Gesicht komplett von schwarzer Gaze verhüllt.
Ein P.S.: Vor ein paar Tagen sah ich die Personalität in der Fußgängerzone spazieren, in einem tadellosen grauen Mantel und mit einem blechernen Abzeichen über der Brust, welches einem Orden glich. Chapeau!
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