(Umzugs-)Container nach schwerer See

(Umzugs-)Container nach schwerer See
Quelle: Internet. Der Blog hat keinen Bezug zum Schiffsnamen oder zu dessen Ladung

Sonntag, 14. März 2010

Joker & Jade

Von Kaiserslautern sind es noch siebzig Kilometer bis Saarbrücken. Jetzt fahre ich nur noch in die Stadt, in der ich ein paar Jahre gelebt habe, wenn ich Kunden besuche: selten. So weiß ich nicht, was jetzt aus der chinesischen Familie geworden ist, die damals in einer Wohnung in der Bleichstraße lebte. Die Eltern betrieben ein chinesisches Restaurant, und als es lief, holten sie ihre beiden Kinder aus China zu sich, die bis dahin bei den Großeltern aufgewachsen waren. Plötzlich saßen sie im Laden des freundlichen sefardischen Teppichhändlers im Erdgeschoß des Hauses, sprachlos und charmant.

Danach sah ich manchmal den kleinen Jungen, der auf einem Roller einsame Runden auf der Straße drehte. Das ältere Mädchen, das etwas Englisch konnte, mußte den Haushalt machen. Bald waren beide vormittags in der Schule. Vergeblich versuchte ich, die Eltern zu überreden, den Kindern einen Leihausweis für die Stadtbücherei zu besorgen.

Das Restaurant schien nicht schlecht zu laufen, trotzdem war es irgendwann geschlossen. Beim Teppichhändler saßen bald der Mann, bald die Frau, um sich übereinander zu beklagen: der Mann hatte die Einnahmen verspielt, die Frau, schön und energisch, hatte wohl versucht, sich auf eigene Rechnung zu prostituieren. Jedenfalls sah man sie plakativ zurechtgemacht im Viertel auf der Straße herumstehen.

Später ein Anruf aus dem Laden: was mit den Kindern jetzt geschehen solle? Sie waren alleine in der Wohnung, verängstigt und überfordert. Der Mann hatte seine Frau zusammengestochen, als er sie mit ihrem Liebhaber erwischte, und saß in Untersuchungshaft, die Frau lag im Krankenhaus. Die Kinder hatten die Behörden ohne weiteres Bedenken und Nachsehen dem Teppichhändler anvertraut. Aber das wurde ihm dann doch zuviel. Mit Hilfe des Jugendamtes wurden die beiden in einem Kinderheim untergebracht. Tags darauf rief mich ihr kurzzeitige Pate, außer sich vor Wut und Trauer, an und fürchtete das Schlimmste, Zurichtung, Fertigmachen! Sie waren aber gut in einer Wohngruppe aufgehoben. Ich besucht sie einige Male und schenkte dem Mädchen mein altes Notebook mit einem Programm zur Generierung chinesischer Schriftzeichen.

Als ich, inzwischen fortgezogen,  vier Jahre später zufällig den Teppichladen aufsuchte, wollte ich wissen, wie die Familiengeschichte weitergegangen war. Die Frau war zu Verwandten in die Niederlande gezogen und hatte die Kinder im Heim zurückgelassen. Der Mann war gerade frei gekommen und wohnte wieder in der Futterstraße. Noch im Gefängnis hatte er über die chinesische Handelszeitung, deren Lektüre ihm nach einigem Bedenken seitens der Anstaltslitung gestattet worden war, neue geschäftliche Kontakte geknüpft und war dabei, einen Laden zu eröffnen.

Jetzt, als ihn ihn fragen konnten,wollte ich doch wissen: Wie er in China zum Geschäftsmann geworden sei? Warum er überhaupt nach Deutschland gekommen sei und dort bleiben wolle, nach dem. was geschehen sei? In seiner Heimatstadt habe er einen Kleinhandel mit Metallwaren aufgebaut, als dies Mitte der achtziger Jahre möglich geworden sein. Die Geschäfte seien gut gelaufen. Da fingen städtische Beamte an, ihm Geld abzuverlangen. Gegenwehr sei nicht möglich gewesen: Polizei, Gerichte, Öffentlichkeit habe man nicht anrufen können, man habe ihn verhaften wollen, er sei entwischt und mit Hilfe von Verwandten nach Deutschland gelangt. Hier habe er die Strafe akzeptiert, bereue aber nicht, was er getan habe. Jetzt sei er zuvesichtlich, was den Neuanfang betreffe, zumal er finanzielle Unterstützung für die Existenzgründung erhielte. Er wollte die inzwischen herangewachsenen Kinder zu sich nehmen.

Das Mädchen wollte nicht: er sei nicht ihr Vater, und sicher auf der Suche nach einer Frau. Sie habe genug für diese Familie getan. Wer denn ihre eigene Familie sei? Ihre Eltern hätten seinerzeit beschlossen, daß sie in Europa bessere Chancen habe. Sie sei mit gefälschtem Paß, vier Jahre jünger gemacht, der anderen Familie gegen gutes Geld zum Mitnehmen untergeschoben worden. Über das Internet hat sie jetzt Kontakt zu ihrer eigene Familie und ihren alten Freundinnen. Sie will bis zum Abitur im Heim bleiben, weiterhin vier Jahre unter ihrem Alter in eine Nymphenhaftigkeit gesteckt, die sich anfühlt wie zu kleine Schuhe. Aber dann kann sie studieren. Ihre Identität kann sie aber unter der Gefahr, abgeschoben zu werden, nicht erneut wechseln.

Wenn ich in der Zeitung vom Aufstieg Chinas lese und vom Thema Menschenrechte versus Wirtschaftsmacht, muß ich an diese Familie denken.

Samstag, 13. März 2010

Grimms' Country

Die Gegend um Kaiserslautern, Landstuhl um Ramstein ist geprägt von ländlichen Ortschaften zwischen Wiesen und Wald, anheimelnd hügelig und irgendwie abgelegen. Obgleich durchaus vorhanden, ist von Industrie wenig zu spüren. Die vielen dunkelgrauen Flugzeuge ohne Gesellschaftsbemalung, niedrig und langsam im An- oder Abflug begriffen, und der großzügige Straßenausbau widersprechen der Abgelegenheit: breite neue Straßen in abgelegene Orte führen schnell zur A 6 oder A 63, und auf den Straßen fahren irritierend große und teure Autos und Busse, viele davon amerikanischer Bauart: in der Gegend leben Tausende von Amerikanern, Soldaten und Zivilangestellte der dortigen US-Stützpunkte von Heer und Airforce, dazu kommen Firmenangehörige von Unternehmen, die als Contractors für die Armee arbeiten. Die ländliche Infrastruktur ist diesen Bewohnern angepaßt: Restaurants, Autohäuser, Geschäfte bieten sich an, Wohnsiedlungen gleichen amerikanischen Suburbs. Kaiserlautern, K-Town genannt, oder Ramstein ähneln mit ihren Reklametafeln für cars oder fast food an den Durchgangsstraßen einer Kleinstadt des Mittleren Westens, und American English ist neben dem pfälzischen Dialekt die zweite Hauptsprache der Gegend.

Die Sprachgemeinschaft in der Diaspora ist hermetisch, es gibt vielleicht Anlässe, aber keinen Grund, sich den freundlichen Eingeborenen sprachlich zu nähern. Deshalb bitten die Kunden mich dahin: weil ich mich ihnen sprachlich assimilieren kann: "Do you speak English?" ist der erste Satz der Umzugsanfrage und das Ausschlußkriterium des dortigen Umzugsgeschäfts. Weit mehr als in manchen türkisch geprägten Straßen deutscher Städte existiert hier eine abgeschlossene Parallelwelt mit eigenen Schulen, Einkaufszentren, Medien, Clubs und teilweise eigenem Rechtsstatus. Die Abgelegenheit und das sprachliche Entgegenkommen der Eingeborenen verstärken diese Abgeschlossenheit. So entsteht bei den meist nur für ein paar Jahre Bleibenden leicht ein Deutschlandbild, das märchenhafte Züge annehmen kann: die Grimmschen Märchen, die auch amerikanische Kinder kennen, werden, verlinkt durch die Märchenhaftigkit der Landschaft, zum Fremdenführer, verstärkt um weitere Highlights einer imaginierten Topographie: Oktoberfest, Neuschwanstein, Christmas markets.  Die Deutsche Märchenstraße dagegen, die, bei Hanau beginnend und in Bremen endend, einen Blick auf hübsch konservierte Provinzaltertümer und vielleicht auf Ursprungsgegenden von nach Amerika Ausgewanderter erlauben würde, ist kein Bestandteil der dortigen roadmap.

Oft genug schlägt sich dafür der Märchenblick im Innern der Wohnung dieser hierher Versetzten nieder: als ein Durcheinander von Souvenirs, Flohmarktfunden und Bildern, das die vergebliche Anstrengung der Kunden dokumentiert, sich die Fremde und öfter auch vage Familienüberlieferungen anzueignen. Sie haben nicht gelernt, die Sprache zu lernen, sie haben kein Gespür für ästhetische oder handwerkliche Qualität und sie haben kein funktionierendes Konzept von Land und Leuten. Es gibt aber Ausnahmen: das Kind in einen deutschen Kindergarten zu schicken, selber Deutsch zu lernen, sich sogar auf das Pfälzische einzulassen. Sie sind selten.

Montag, 8. März 2010

Trinken. Geld.

Bis zum Tag des Umzugs ging es um dessen Planung und Preis. Mit den Packern gewinnt dessen Ökonomie: Leistung gegen Geld, eine neue Qualität. Fremde Männer nehmen den Haushalt und damit den dinglichen Rahmen des Lebensumfelds auseinander und schaffen ihn fort, damit er andernorts wieder zusammengesetzt werden kann. Darauf reagieren Kunden unterschiedlich sensibel. Sie verstehen schnell, daß der Prozeß und die Packer nicht unter ihrer Kontrolle stehen. Manche ahnen aber, der Prozeß könne unterschiedlich ablaufen, je nachdem, ob den Packern jener Respekt entgegengebracht wird, den sie verdient haben. Es liegt nämlich an ihnen, jedes einzelne Ding sorgfältig zu behandeln, einzupacken und zu verstauen, und nichts fortkommen zu lassen.

Dieser Respekt drückt sich mindestens so aus: es werden Getränke bereitgestellt. Packen ist schwere körperliche Arbeit, Flüssigkeit wichtig. Bisweilen gibt es auch Kaffe oder etwas zu essen: belegte Brötchen, fast food. Bisheriger Höhepunkt: das Ausführen in ein Asia-Restaurant! Respekt heißt auch, fragen, woher die Packer kommen, sich auf ein Gespräch einlassen, feststellen, daß es sich nicht um sprachlose Barbaren handelt. Und manchmal gibt es Trinkgeld. Bis zum Schluß arbeiten die Packer so, als ob sie es bekommen würden, Aber es ist nicht oft der Fall.

Das Rätsel: es gibt keine klaren Indizien dafür, wer etwas und wie viel gibt. Opulente Ausstattungen sind kein Anhaltspunkt.  Am ehesten geben jene, die selber einen Bezug zu körperlicher Arbeit haben. Die das nicht haben — Vermögen ohne Anstrengung oder Umzug von Arbeitgeber oder Amt bezahlt — stehen einfach nur daneben.

Samstag, 6. März 2010

Zum ersten, zum zweiten ...

Was kostet ein Umzug? Nachdem ein Wohnungswechsel feststeht und die neue Wohnung gefunden ist, steht diese Frage im Vordergrund. Sicher ist, es wird teuer, und das beste Resultat ist unsichtbar: kein Durcheinander, keine Schrammen, Sprünge, kein Verlust. Viel Arbeit, von der nichts bleiben wird. Die soll möglichst wenig kosten.

Deshalb holt ein Kunde sich mehrere Angebot ein. Und das ist erstmal sinnvoll, auch für die Umzugsunternehmen: je nach ihrer Struktur und Beschäftigungslage machen sie unterschiedliche Preise. Die Besichtigung und Beratung ist zunächst einmal kostenlos. Manch Kunden können gar nicht genug davon bekommen und holen sich gleich fünf oder sechs oder zehn Schätzer ins Haus ...

Nun ist es mit den Angeboten wie auf anderen Märkten auch: sie sind von unterschiedlicher Qualität. Welche Qualität vom Kunden gewünscht wird, muß der Berater erkennen; und dafür sorgen, daß diese Qualität geliefert wird. Jeder Umzug ist anders; Umzüge sind Einzelanfertigungen, oft für irgendwie mies zusammengeschustertes Umzugsgut aus dem Möbelbilli. Irgendwie müssen diese Beratungsleistungen dann auch eingepreist werden, zusammen mit vielen anderen Kosten, die nicht beim Umzug nicht so unmittelbar ersichtlich sind, wie es die Arbeit der Packer ist. Umzüge müssen also Geld kosten.

So wie es für Lebensmittel, Kleidung und Möbel Discounter gibt, gibt es auch Umzugsdiscounter. Da der größte Kostenanteil auch bei ihnen die Löhne sind, sparen diese Discounter hier konsequent. So machen dann Leute die Umzüge, die irgendwo von der Straße aufgelesen worden sind und wieder dahin befördert werden, ohne Rekurs auf soziale Kosten und Steuern. Aber am billigsten. Und die Mehrwertsteuer? Nicht selten wird steuerfreies Arbeiten vom Kunden zur zusätzlichen Bedingung für den Zuschlag gemacht.

Seit wenigen Jahren wandert ein wachsender Anteil des Umzugsmarkts ins Internet. Auf der einen Seite werden die Kunden dahin gebracht, einen Teil der Arbeit der Umzugsberater selber zu machen: das Volumen ihres Umzugs mittels Listeneinträgen zu schätzen und die gewünschten Serviceleistungen: Montage, Packen, sowie die wichtigen Randbedingungen eines Umzugs zu notieren: Trageweg, Parkmöglichkeiten für den LKW und anderes.

Auf der anderen Seite wird der Preis zum einzigen Kriterium, während die Qualität der Komplexitätsreduktion einer abstrakten Verauktionierung zum Opfer fällt. Kostenbewußte Kunden merken dann erst beim Umzug, daß die Möbel und die Wohnungen ihn nicht unbeschadet überstehen werden ... Dann richtet sich die Hoffnung auf die Versicherung und das Klagen. Da vorher der Abschluß einer adäquaten Transportversicherung aber aus Sparsamkeitsgründen unterblieb, mit wenig Aussicht auf Erfolg. Statt dessen wird das Umzugsentgelt nicht ausgezahlt, was wieder dazu führt, daß Umzugsunternehmen nur noch gegen Vorkasse arbeiten.

Dem Preisdruck begegnen Umzugsunternehmen, indem sie sich im Kleingedruckten ihres Angebots die Möglichkeit von Preiszuschlägen offenhalten, die sie dann konsequent nutzen, wenn sie den Zuschlag als Günstigster erhalten haben. Manche legen sich selber eine Billigabteilung zu oder gründen gleich aus, eröffnen selber oder mit Kollegen ein eigenes Portal und machen sich gegenseitig eine Konkurrenz, die ihnen nicht weh tut.

Auf diese Weise werden auch die Umzüge akquiriert, die von Arbeitsamt oder Jobcenter bezahlt werden. Der Antragsberechtigte muß drei Angebote vorlegen, die sich übers Internet leicht gewinnen lassen. Wird dazu von Ämtern ein Portal empfohlen, steckt oft ein Kartell dahinter, das ja durch die Verauktionierung gerade ausgehebelt werden sollte. Fragt aber ein solcher Berechtigter bei uns direkt an, steckt dahinter meistens das Kalkül, das Angebot als Vorlage für eines zu nehmen, das von Freunden mit Gewerbeschein und Steuernummer erstellt wird. Hier wie da kontrollieren die zu Sparsamkeit angehaltenen Ämter nicht, ob Sozial-, Versicherungskosten und Steuern gezahlt werden.  Damit untergraben sie ihren eigenen Anspruch und ihre eigene Bemühung, Leute in Arbeit zu bringen.

Zum ersten, zum zweiten, zum dritten ... bekommt der Kunde so wenig wie vordem mit Sicherheit das seinem Umzug angemessene Angebot.

Dienstag, 2. März 2010

Kiosk der Möglichkeiten

Nur erst gastweise in der Gegend, in der ich mich später niederlassen sollte, löste ich eine zeitlang morgens auf dem Weg zur Arbeit die Gutscheine für meine Tageszeitung an der Theke eines Kiosks. Nahe einer Bushaltestelle eingelassen in ein schmutzig gelb gestrichenes Geschäftshaus, unterschied sich dessen Angebot in nichts von dem anderer in deutschen Vorstädten: Tageszeitungen, Journale mit den einschlägigen Covern: Girls, Autos, Villen,  Computerzubehör, und außerdem Zigaretten, Bustickets, Süßigkeiten, Sprudel, Bier und Hochprozentiges.

Wie es meine Art ist, grüßte ich nach kurzer Zeit den Kioskverkäufer, einen älteren Mann unklarer Herkunftsnationalität, der früh, tags und bis spätabends allein da zu sein schien. Eines Tages winkte er mir, in den kleinen Verkaufsraum zu treten. Er fragte mich, ob ich die Zeitung für meinen Chef kaufte, was ich verneinte, ich läse sie selber. Ob ich gerne scharfe Sachen tränke? Ich schüttelte den Kopf. Es muß in die falsche Richtung gewesen sein, denn er schien es als Interesse zu deuten. Das Fragen hatte er zugleich genutzt, mich genauer zu betrachten. Dann raffte er seine Deutschkenntnisse zusammen für ein knappes, überraschendes Angebot: ich könne mich am Schnapsvorrat nach eigenem Ermessen bedienen, Gegenleistung: Sex. Seine eigene Frau sei ihm nicht mehr gut, und die Uschi, die es ihm bislang im Vorbeigehen dermaßen besorgt habe, verschwunden.

Dieses Angebot wies ich freundlich zurück, und um ihn nicht verlegen oder aggressiv zu machen, fragte ich zurück, woher er gekommen sei und wie er in diesen Kiosk käme. Er habe seine Geschäfte in der Gegend von Silopi betrieben, im Winkel zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak, meinte er, sei wohlhabend gewesen, als Landbesitzer und Händler. Aber während der kriegerischen Eskalation sei er zwischen die Fronten geraten, erpreßt und und bedroht worden, egal von wem, es sei ihm gelungen, mit seiner Familie nach Deutschland zu gelangen. Der Kiosk sei eine Fortsetzung seiner Geschäfte im Rahmen des ihm hier möglichen. Hart sei es aber schon, weil ihm die Familie nicht helfen wolle. Seine Söhne seien hier herangewachsen und hätten den Führerschein erworben, besäßen Handy, Auto und Computer, Geschenke von ihm.

Handy, Auto und Computer: was kommunizieren diese Söhne, um ihre Existenz zu sichern? Mit wem kommunizieren sie? In welchen Sprachen? Welche Werte konnten sie dadurch erzeugen, welche Dienstleistungen erbringen? Oder waren die Objekte bloße Symbole der Arriviertheit, Kaschierungen von Anschlußlosigkeit und Tageslohnverdienst? Welche Perspektive besaßen Vater und Söhne überhaupt auf ihre Umgebung jenseits des Blicks vom Kiosk auf die Bushaltestelle und im Kiosk auf grellbunte Zeitschriftencover? Welche Wahrnehmungs- und Umrechnungsmodi wurden angelegt, damit die Erträge von Land und Handel in Silopi den Geschäftsergebnissen aus dem Kiosk und aus dem, was die Söhne machten, innerhalb der Familie oder zumindest im Kopf des gestrandeten, lüsternen Patriarchen vergleichbar wurden? Welche Rolle spielten in dieser fragmentierten Ökonomie und Ökologie Frauen und Alkohol?

Es schien mir zudringlich, hier weiter zu fragen, obgleich mich die Familiengeschäfte zu interessieren begannen. Ich nickte ein Aufwiedersehen und ging. Meine Zeitung kaufte ich von da ab woanders. Inzwischen wird sie mir wieder ins Haus gebracht.

Sonntag, 21. Februar 2010

Brauchen Sie nicht unbedingt ... ?!

Kunden interessieren sich nicht für Umzugsunternehmen. Sie wollen erstmal eine Umzugsdienstleistung für möglichst wenig Geld. Ich muß mein Unternehmen finden lassen und den Interessenten dann erklären, welche Leistungen sie für ihr Geld bekommen, und was den Unterschied zwischen günstig und billig ausmacht.

Dort, wo Kunden mein Unternehmen finden sollen, finden mich auch Verkäufer. Zunächst Werbeverkäufer: Webseitenplatz, Auktionsportale, Registereinträge, Annoncen, Google-Plazierungen, Werbespots - alle versprechen jedem einen Bekanntheitsvorsprung, der im Wust des Bekanntgemachten untergeht, in den Weiten des Web und der Masse des Gedruckten verschwindet, zu Preisen, der einen reichlichen Anteil am Eingenommenen nimmt. Werbung muß ständig auf Wirksamkeit beobachtet werden.

Keine Werbung ist so effektiv, wie persönliche Empfehlungen es sind. Aber wenige Kunden ziehen immer wieder um (die nehmen uns übrigens auch immer gerne wieder). Die meisten nehmen es für selbstverständlich, dass alles reibungslos abläuft und heil bleibt.

Nicht nur Werbung soll ich kaufen.
Mehrmals im Monat werde ich von Zeitarbeitsfirmen angegangen, teils Ableger des Arbeitsamts oder sozialer Dienste, teils Firmen. Fast immer haben die Onkel oder Cousins der Packer die Erfahrung gemacht,  dort zu minimalen Löhnen angestellt zu werden, um die Arbeit zu machen, die sonst niemand machen will.
Fast wöchentlich ereicht mich ein Anruf, doch einen Wasserspender oder einen Kaffeeautomaten im Büro aufzustellen, Gewicht und Masse der mir zugesandten Kataloge für Büromaterial übertreffen leicht die Menge des tatsächlich gebrauchten.
Und fast täglich erreicht mich ein Anruf, ob ich nicht gebrauchte Firmenfahrzeuge zu verkaufen hätte. Der Markt mit ausgedienten LKW scheint eine Goldgrube zu sein, ausbeutbar ohne besondere Sprachkenntnisse, lästige Schriftlichkeit oder Sichtbarkeit. Jedesmal müssen die Anrufenden erst begreifen, dass eine Spedition keinen eigenen Fuhrpark haben muß.

Gemeinsam scheint allen diesen Verkäufern, daß sie außer einem Telefon und vielleicht einer Webseite keine weitere Infrastruktur unterhalten.

Ich überlege, umzusatteln.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Laokoon von Tomi

Packer. Eine Gruppe junger Männer, fast alle aufgewachsenen in einer Provinzstadt nördlich vom Schwarzen Meer, irgendwie verwandt. Archetypen eines Trupps, wie er vermutlich seit Menschen leben in die Ferne zieht, Nomaden, Söldnerhaufen, Freischärler, auf der Suche nach Abenteuer, Reichtum, Frauen: der Ältere, erfahren und ein wenig müde, der Neugierige, der Techniker, der Kämpfer, die dienenden Fußleute, alle gescharrt um den Anführer, der sie zusammenhält und für sie plant und spricht. Ihre Schwestern, Cousinen und Tanten gehen auf getrennten Wegen in die gleiche Richtung, gelockt von Geld und Glitzer, studierend, putzend, kassierend, servierend, pflegend. Ihre Zuversicht schöpfen sie nicht bloß aus ihrer Kraft und Energie, sondern auch aus ihrer guten Schule: sie wollen studieren oder haben bereits ein Studium begonnen oder abgeschlossen, sie sind in einer Gesellschaft groß geworden, die sich im krassen Umbruch der Systeme befand.

Voller Selbstvertrauen kommen sie hier an, in eine Gegend, die alles, was sie suchen, im Überfluß zu bieten scheint. Kommen sie an das, was sie sich erträumt haben? Zunächst scheint alles einfach: sie tauschen ihre Muskelkraft in Geld und kaufen: Autos, Klamotten, Handys, Laptops. Sie verzieren ihre Muskeln mit Tattoos, die sie, Kouroi, gerne bei der Muskelarbeit zeigen, und alles zusammen beeindruckt die privatfernseh-affin gestylten Mädchen, die ihnen gefolgt sind oder zu ihnen stoßen. "Drama, Baby" steht auf dem T-Shirt unseres Monteurs und Kampfkarate-Champions.

Dann fangen die Probleme an, die sich nicht mit Muskelkraft, Witz oder Kosmetik beiseite schieben lassen, die sie allmählich begleiten, sich immer enger anschmiegen und sie demobilisieren und demotivieren. Ein Hauptproblem: das Geld reicht nie, Kredite sind leicht zu bekommen. Bald müssen Raten abgestottert, Schulden abgetragen werden. Das zweite Hauptproblem: das Recht an Geld und Leistungen ist in einem Wust von Regelungen verknäuelt, die schwer zu durchschauen sind: Aufenthaltsstatus, Arbeitsrecht, Versicherung, Steuern, Sozialleistungen — alles funktioniert mal wie eine undurchdringliche Barriere, mal wie ein Wunderhorn, verschieden in jedem Einzelfall, ohne klare Linie. Der Kampf gegen Schulden und Bürokratie ist kräftezehrend und entmutigend.

Ein klarer Weg, den hier Schule und Familie zeigen können, ist für die, die nicht in einem Schonraum wie der Hochschule Wissen und Erfahrungen sammeln können, sehr schwer zu erkennen und zu beschreiten. Das macht sie zu einer Verfügungsmasse an einem Arbeitsmarkt, der ihre Energie verbraucht und ihre Talente verschüttet.

Ich sehe meinen Trupp und denke an die Laokoon-Gruppe: Sinnbild männlich-kriegerischer Kraft, die von Schlangen besiegt wird. Seit Lessing Ausgangspunkt ästhetischer Reflexion, sollte sie endlich zum Logo der Arbeitsmigrationsdebatte werden.